Donnerstag, 24. November 2011

Fotokunst mit Google Street View: Die Einsamkeit der anderen - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Netzwelt

24.11.2011
 

Fotokunst mit Google Street View

Die Einsamkeit der anderen

Fern-Fotografie: Per Street View in die Welt
Fotos
Aaron Hobson / Cinemascapist
Google ist überall - zum Glück! Das findet Aaron Hobson, der Street-View-Aufnahmen aus entlegenen Gegenden der Welt in atemraubende Panoramabilder verwandelt. Im Interview spricht der Amerikaner über den Erfolg seiner Fern-Fotografie und die Magie der Einsamkeit.


SPIEGEL ONLINE: Mr. Hobson, Ihre neueste Fotoserie haben gar nicht Sie fotografiert, sondern Googles Streetview-Autos. Wie kommt man denn auf so was?

Hobson: Ein Produzent aus Los Angeles sprach mich darauf an, 2012 einen kleinen autobiografischen Film zu produzieren. Ich begann mit der Vorbereitung und da ich mich in Los Angeles nicht auskenne, der Film aber da gedreht werden soll, begann ich, per Streetview mögliche Drehorte zu suchen. Ich verbrachte Stunden damit, war völlig fasziniert davon, wie viel Googles Autos da fotografiert hatten. Es gab keine Straße oder Gasse in L.A., die ich nicht hinabfahren konnte. Und alle fünf Meter kann man sich umsehen.
SPIEGEL ONLINE: Los Angeles? Sieht so aus, als hätten Sie sich ablenken lassen: Ihre "GSV-Cinemascapes" zeigen oft ausgesprochen einsame Orte in sehr abgelegenen Gegenden der Welt.
Hobson: Als ich mit der Drehortsuche durch war, machte ich zum Spaß weiter. Nach ein paar Tagen war ich regelrecht süchtig. Da setzte ich beispielsweise auf einer abgelegenen Straße irgendwo in Norwegen an, der ich dann Meile um Meile, Stunde um Stunde folgte. Ich tauchte ein in diese Welt, ging darin verloren. Dann probierte ich immer abgelegenere Gegenden aus. Ich lebe selbst in einer und wollte andere Orte finden, die ähnlich sind.
SPIEGEL ONLINE: Klingt nach Freizeit vor dem PC. Aber offenbar wurde ja Arbeit daraus.
Hobson: Nach stundenlangen Fahrten durch Tundras, Wüsten und andere leere Landschaften begann ich, rund ein Dutzend Orte zusammenzustellen, die für mich ästhetischen und erzählerischen Reiz hatten. Ich wollte mir die Einsamkeit anderer Menschen ansehen. So wurde ein Projekt daraus, das diese irre Technik zeigt, die es jedermann mit einem PC und Internetzugang erlaubt, diese Orte voller Pracht und Schönheit zu erforschen. Orte der Einsamkeit, an denen das Leben schwerer und langsamer ist.
SPIEGEL ONLINE: Die Bilder sind die neuesten Werke einer seit 2007 veröffentlichten Serie, die Sie Cinemascapes nennen. Die meisten davon sind Selbstporträts. Warum?
Hobson: Ich lebte sieben Jahre lang in den abgelegenen Adirondack-Bergen im Staat New York an der kanadischen Grenze, als ich 2007 zum ersten Mal eine Kamera in die Hand nahm. Ich hatte eine Familie gegründet, einen festen Job angenommen. Das langsame Tempo des Lebens hier oben hat es mir erlaubt, mir über mein Leben Gedanken zu machen. Besonders über meine Jugend mit ihren Problemen, Drogen und jeder Menge Ärger. Ich begann damit, mich selbst in isolierten, gefühlvollen fotografischen Erzählungen zu inszenieren. Irgendwie war das so eine Art visuelles Tagebuch, eine Aufarbeitung meiner Gedanken. Schreiben ist nicht mein Ding.
SPIEGEL ONLINE: Kleine Erzählungen sind ihre Fotos wirklich, viele haben einen cineastischen Touch. Wie erfolgreich ist dieser Ansatz?
Hobson: Ich habe die Bilder nicht für die Öffentlichkeit gemacht, sondern für mich und meine Freunde, denen ich sie über Social-Network-Seiten wie Flickr zeigte. Schon 2007 fingen sie an, sich wie ein Virus im Internet zu verbreiten, so wie jetzt die Google-Streetview-Bilder. Ein moderater Erfolg, der mir ermöglichte, unter anderem in London, New York und Los Angeles auszustellen. Es gab Berichte in zahlreichen Kunstmagazinen und auf vielen Web-Seiten.
SPIEGEL ONLINE: Anscheinend aus dem Nichts stürzen sich seit ein paar Tagen vor allem europäische Blogger auf Sie. Wie kam es dazu?
Hobson: Keine Ahnung. Manchmal ist das Internet wie eine Sturmflut, und diesmal hat sie sogar etwas eingerissen: Meine Web-Seite hat Mühe, auf den Beinen zu bleiben. Fast jeder, der sie aufruft, bekommt seit Tagen immer wieder einmal Fehlermeldungen. So ist die Welt heute. Information kann in Sekundenbruchteilen geteilt werden, rund um den Globus. Beeindruckend.
SPIEGEL ONLINE: Die größte Aufmerksamkeit bekommen Sie in Spanien, Frankreich, Italien, Deutschland...
Hobson: Das war schon bei meinen Selbstporträts so. Woran das liegt? Ich bin mir nicht sicher. Vielleicht funktionieren meine Arbeiten in den USA nicht so gut, weil die filmischen Referenzen nicht gerade aus Actionfilmen stammen. Sie sind subtil und verlangen, dass man über sie nachdenkt.
SPIEGEL ONLINE: Stilistisch fügen sich Ihre Streetview-Bilder ja nahtlos ein in die Serie der Cinemascapes.
Hobson: Ja, sie führen meine ursprüngliche Arbeit fort, vielleicht sind sie sogar ein Endpunkt. Erst sah die Welt in Bildern auf mich, nun sehe ich auf die Welt. Ich verändere die Bilder gar nicht großartig durch Hinzufügungen, Wegnahmen oder Retuschen. Für jedes Bild brauche ich vielleicht zehn Minuten. Ich füge zwei bis drei Screenshots zu einem Panoramaformat zusammen. Die für die Serie typische Atmosphäre erreiche ich, indem ich die Stimmung der Bilder in drei Aspekten beeinflusse - Belichtung, Farbe und Schärfentiefe.
SPIEGEL ONLINE: Auf diese Art und Weise Bilder zu machen, ist anders, als selbst die Kamera zu führen. Sind diese Google-Streetview-Bilder im gleichen Maße Ihre Werke wie zuvor die Porträts?
Hobson: Sie verdanken Google schon eine Menge. Es ist unglaublich, was Google mit diesem Projekt, die ganze Erde abzubilden, leistet. Die Bilder empfinde ich insofern als meine eigenen, als dass es mir eher auf den Prozess der Produktion ankommt, als auf das Endprodukt. Schon klar, ich bin nicht hingefahren und habe fotografiert. Aber ich fühle mich manchen dieser Orte verbunden und habe mich in dieser bizarren virtuellen Realität von Streetview mit ihren Straßen, Häusern und Menschen vertraut gemacht. Obwohl es sicher albern klingt, wenn ich beschreibe, wie es sich anfühlt, Frankreich eine Woche lang per Streetview zu bereisen: Wie wäre das, wenn man wirklich auf diesen Straßen landete und Leute dort wiedererkennt? Würde man die spontan grüßen, als ob man sie kennt?
SPIEGEL ONLINE: Und jetzt? Was haben Sie von all dem?
Hobson: Für mich hat sich das durch die Reiseerlebnisse selbst ausgezahlt. Ich mache jetzt weiter und veröffentliche die Resultate wie ein Urlaubs-Fotoalbum über meine Fanseiten bei Facebook oder Tumblr. Ich hoffe, dass viele Menschen etwas davon haben, dass auch sie die Welt per Streetview entdecken. Und wenn mich jemand nach einem Rat fragt, wie man das Meiste aus diesem Erlebnis herausholt: Man braucht einen 27-Zoll-iMac, einen dunklen Raum und eine Flasche Wein. Am besten Medoc oder Bordeaux.
Das Interview führte Frank Patalong

Montag, 7. Februar 2011

Spielecomics: Die unendliche Leinwand - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Netzwelt

06.02.2011
 

Spielecomics

Die unendliche Leinwand

Von Dennis Kogel
Spielecomic "Wormworld Saga": Scrollend wird der Leser in die Geschichte gezogen
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Spielecomic "Wormworld Saga": Scrollend wird der Leser in die Geschichte gezogen
Der Grafiker Daniel Lieske hat ein Webcomic erschaffen, das die Strukturen von Videospielen aufgreift. 150.000 Mal wurde "Wormworld Saga" bereits gelesen.
Am Anfang steht das Bild einer kleinen Pflanze im Browser-Fenster. Kaum scrollen wir herunter, öffnet sich ein blauer Himmel. Wolken und Flugzeuge ziehen vorüber, dann ein Dickicht, und immer weiter runter geht unser Blick, bis wir mit dem Mausrad das Dickicht durchbrechen und die Michael-Ende-Grundschule am letzten Schultag vor den Sommerferien sehen. So beginnt das erste Kapitel der "Wormworld Saga".

Daniel Lieske hat ein traumhaftes Comic erschaffen, das den Leser scrollend in sich hineinzieht. Immer näher kommen wir dabei Jonas, der Halbwaise, die im Deutschland der achtziger Jahre im Landhaus ihrer Oma durch ein Gemälde eine andere Welt betritt und dort zum Helden wird. Mehr als 150.000 Leser hat das online gratis verfügbare erste Kapitel bereits, Comic-Autoren und Magazine wie "Wired" sind begeistert. Dabei ist der 33-Jährige kein Comic-Künstler, sondern Grafiker beim Entwickler Gaming Minds in Gütersloh.
"Wormworld Saga" zeigt, wie Comics sich Videospielen auf neue Art nähern können. Der Scroll-Ansatz zum Beispiel, von Scott McCloud ("Comics richtig lesen") Infinite Canvas genannt, fand sich bislang in Webcomics nur selten. McCloud sah im unendlich scrollenden Browserfenster eine Revolution des Erzählens. "Das ist die ideale Art, ein Comic zu präsentieren", sagt Lieske. "In den Lehrbüchern steht immer: in Doppelseiten denken. Das führt zu einem Rhythmus, der Autoren aufgezwungen wird - als ob man als Musiker nur im Walzertakt schreiben könnte." Der Infinite Canvas befreit ihn nicht nur von Konventionen, er erlaubt ihm, die Struktur und das Gefühl des Videospielens in einem Comic zu verarbeiten. "Der Held wird Quests bestehen und Items beschaffen müssen, um Ziele zu erreichen", sagt Lieske.
Webcomics mit Spielebezug sind bislang meist Satiren gewesen. Brian Clevingers "8-Bit Theater" etwa macht die Helden-Sprites aus dem Ur-"Final Fantasy" zu Stars einer Odyssee, die die Inkonsistenz und unfreiwillige Komik japanischer Rollenspiele zum Thema hat. Und Rich Burlews "Order Of The Stick" nimmt sich die Ungereimtheiten von Pen-and-Paper-Rollenspielen zur Brust. Beide Comics lesen sich jedoch weniger wie ein Spiel, sondern eher wie ein humorvoller Rückblick auf alte Games.
"Wormworld" ist einen Schritt weiter. Durch seine Technik des Infinite Canvas erinnert der Einstieg des Comics an den langsamen Beginn einer Odyssee in einem japanischen Rollenspiel, und seine Helden und Monster lassen an Spieleklassiker wie "Zelda" denken. Erst in den nächsten Kapiteln wird sich zeigen, ob Jonas gegen den Feuerritter bestehen kann und welche Rolle die Drachensiegel spielen werden. Scrollend wird der Leser hineingezogen und nur ungern vom Kapitelende unterbrochen. Wie im richtigen Spiel.

MEHR SPIELECOMICS

Penny Arcade
www.penny- arcade.com
Bereits seit 1998 arbeiten Jerry "Tycho" Holkins und Zeichner Mike "Gabe" Krahulik an einem der beliebtesten Comics im Netz. 2010 waren sie in der "Time Magazine"- Liste der 100 bedeutendsten Menschen des Jahres vertreten, wegen ihres Einflusses auf die Gaming- Kultur und wegen Child's Play, einer von ihnen gegründete Non- Profit- Organisation, die Kinder in Krankenhäusern mit Videospielen beschenkt.
Letters To An Absent Father
www.mareodomo.com
Maré Odomo, Illustrator für die Brooklyn Babycastles Arcade, bricht die Helden der "Pokémon"- Spiele auf ihre ständige Einsamkeit und ihren immer fehlenden Vater herunter.
MS Paint Adventures
www.mspaintadventures.com
Gezeichnet im Strichmännchenstil, ist Andrew Hussies MS- Paint- Adventure das reinste Gaming- Comic. Es tut so, als wäre es ein Adventure und macht sich zugleich darüber lustig.
Dieser Text entstammt der März-Ausgabe des GEE-Magazins
Großartig. Ich wünsche dem Wormworld-Projekt viele Leser.